Erstellt von neo  |  Antworten: 279  |  Aufrufe: 47717
Seite 1 von 28 1234511 ... LetzteLetzte
  1. #1
    neo


    Ich glaube, es wird Zeit mal einen weiteren Teil der DDR-Geschichte dem Vergessen zu entreißen - die GST-Fliegerei.
    Was ist GST - Gesellschaft für Sport und Technik. Im Wesentlichen wurde durch diese Organisation die vormilitärische Ausbildung in Spezialgebieten durchgeführt. Weiterhin war es ein Sammelbecken für allerlei Sportarten, die nicht olympisch waren, aber einen nennenswerten technischen Aufwand erforderten - Tauchen, Segeln, Fliegen, Schießsport, Modellflieger, Funker etc.. Viellecht kann ja jemand noch Definitionen aus dem Hut zaubern. Bei der Gelegenheit, ich habe mal versucht im Netz was zu finden. Das Ergebnis war eher bescheiden. Also wer noch ein paar Links hat - hier ist der richtige Platz.

    Zurück zum Thema Flugsport.
    Wir haben eine ganze Anzahl gestandener NVA-Piloten hier im Forum, die in der Regel alle irgendwann auf einem Segelflugplatz der GST angefangen haben. Daneben gab es natürlich noch eine ganze Reihe "Sportflieger". Hier soll also mal Platz geschaffen werden, das Erlebte, ob traurig oder zum Schmunzeln wieder aus dem Gedächtnis zu kramen. Ich mache mal den Anfang.

    Ich weiß gar nicht mehr, wie das alles anfing. Es war auch eigentlich immer selbstverständlich, das, sobald das nötige Alter erreicht ist, ich mit dem Segelflug anfange - die Sache mit dem Apfel und dem Stamm. Das Erste, an was ich mich erinnere, war ein kalter Februarmorgen im Jahre 1986 in Güstrow. Die GST-Bezirksleitung hatte beschlossen, versuchsweise die theoretische Ausbildung an einem Stück innerhalb von zwei Wochen durchzuziehen. Normalerweise läuft sowas über das Jahr verteilt an den Wochenenden. Und weil im Frühjahr desselben Jahres bereits geflogen werden sollte, fand die Ausbildung eben im Winter statt. Also ab zum Flugplatz. Dort angekommen, hieß es "Aufsitzen". W-50 Pritsche! Ich weiß nicht mehr, ob wir eine oder zwei Stunden unterwegs waren, aber wir haben uns so dermaßen den A...h abgefroren... Der Lohn - mit Beginn der Flugsaison hatten wir den Theorieteil hinter uns und konnten fliegen.
    Und dann kam der erste Flugtag im April 1986. Wir waren einer der wenigen Plätze, die zur Ausbildung auf sechs nigelnagelneuen SZD-50 "Puchacz" fliegen konnten, von uns liebevoll Puvogel genannt. Ein sowas von schönes Fliegerchen. "Kamerad Röther, Sechs-Eins, fertigmachen!" Kamerad war die offizielle Anrede. Also schlappte ich zum Puvogel "DDR-3661" und machte unter Aufsicht des Fluglehrers zum ersten Mal den Rundgang um das Flugzeug. Reinsetzen, Anschnallen, Haube zu, Fläche hoch, das Seil wurde eingeklingt. Der Mann an der Winde, begann nun das Seil zu straffen. "Straff!" - und ab ging die Fuhre. Eine derartige Beschleunigung kannte ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht. Der Kopf flog in den Nacken, und da blieb er auch, bis die Beschleunigung ein wenig nachließ (ca ab 50 m Höhe). Brutal! Jaja, so eine H4 macht ganz schön Ballet. Dann kann ich mich noch dran erinnern, das ich die ganze Zeit über relativ angespannt war. Wir flogen eine Platzrunde (5min) und wiederholten das Ganze noch zweimal. Bei den Folgestarts löste sich dann allmählich die Anspannung, und ich konnte es genießen.
    In den nächsten vier Jahren habe ich es dann auf insgesamt knapp 60 Flugstunden gebracht (nicht 16 wie ursprünglich hier stand) :red:, dabei waren dann F-Schlepp Umschulung auf Bocian und natürlich Alleinflüge auf Pirat. Meine Lizenz habe ich 1989 erhalten. Die Wende und mein Studienbeginn 1990 beendeten meine kurzes Fliegerdasein. Die Preise (bis dato staatlich subventioniert) wurden den realen Kosten angepasst und explodierten, für mich als Student nicht mehr bezahlbar.
    Aber diesen verträumten sehnsüchtigen Blick zum Himmel, den nur Flieger haben, den werde ich auch nicht mehr los.

    Zwei Bilder sind mir aus dieser Zeit erhalten geblieben.
    Das erste zeigt einen typischen GST-Flugschüler (mich), in den graugrünen GST-Klamotten. Da es auf einem Flugplatz immer windig ist, trugen wir unter der "Uniform" reichlich Unterwäsche, Trainingsanzüge etc..
    Angehängte Grafiken Angehängte Grafiken

  2. Schau dir mal die beiden Links an:
    diesen Bestseller und die Flugzeug-Kategorie

    Registrieren bzw. einloggen, um diese und auch andere Anzeigen zu deaktivieren
  3. #2
    neo


    Das zweite Foto zeigt das obligatorische Gruppenfoto eines Sommerlehrgangs (2 Wochen). Im Hintergrund, der Stolz von Aero Güstrow - DER SKP! In diesem Falle ein umgebautes TLF-16 (Basis W-50).
    Angehängte Grafiken Angehängte Grafiken

  4. #3
    Rhönlerche


    Sehr interessantes Thema.
    Mich würde mal interessieren, wer "echte" DDR-Sportflieger kennt, die nicht in der Ausbildung zum Militärflieger waren und wie das so lief. Es gab ja vereinzelt persönliche Segelflugzeuge für besonders gute Wettkampfsportler. Außerdem sollen seinerzeit das Flugzeugwerk Dresden, Interflug und die SDAG Wismut eigene Sportfliegerclubs gehabt haben. Wie sah es bei Dynamo und ASV aus? Gab es vielleicht auch parteimäßige Sportflieger oder Flugzeugnutzer?
    Kenne übrigens einen DDR-Fluglotsen, der durfte nicht mehr bei der GST Segelfliegen, als er seinen Beruf begann. Hätte wohl zuviel auf einmal gewußt.
    Ein Kumpel von mir war in Jahnsdorf bei der GST. Eine komplette Berufsschulklasse aus Dresden (Elektro-Irgendwas) wurde da auf der Zet zum NVA-Militärpiloten ausgebildet. "Speziell profilierte Klasse". Die haben dort als "Flugsportler" Kampfkurven, Bombenanflüge und alles trainiert.

    Nicht zu vergessen die GST-Fallschirmjäger in spe.

  5. #4
    neo



    Kenne übrigens einen DDR-Fluglotsen, der durfte nicht mehr bei der GST Segelfliegen, als er seinen Beruf begann. Hätte wohl zuviel auf einmal gewußt.


    Ich denke, das hatte andere Gründe, bei uns am Platz war ein Fluglotse Fluglehrer.

  6. #5
    Rhönlerche


    Das mag sein. Ihm haben sie's jedenfalls so erklärt. Als Lotse durfte er problemlos arbeiten.

  7. #6
    Funker

    Avatar von Funker
    Original geschrieben von Rhönlerche
    Mich würde mal interessieren, wer "echte" DDR-Sportflieger kennt, die nicht in der Ausbildung zum Militärflieger waren und wie das so lief.

    Hallo, also ich war auch "nur" Sportflieger (Segelflug) bei der GST.

    Ähnlich wie Neo bis zur Wende, als ich mit dem Studium 1990 anfing. Zeit und Geld waren dafür nicht mehr da.

    Wir waren ca. 15 Flugschüler. Davon 3 Sportflieger, der Rest BOB's (Berufsoffiziersbewerber).

    Der Tagesablauf (zumindest während der Flugsaison) war exakt militärsich gereglt.

    Es gab eigentlich keine Unterschiede bei der Ausbildung oder dem Tagesablauf zwischen BOB und Sportflieger. Wir drei "Zivilisten" (darunter ein Mädchen) hatten uns einfach dem militärischen Alltag zu beugen und alles genauso mitzumachen.

    Zwei Unterschiede gab es allerdings schon: Wir Sportflieger mußten zu keinem Schießtraining. Und - BOB's hatten doch gewissen Vorrang bei der fliegerischen Ausbildung, kamen also öfters zu höheren Startzahlen am Tag. Eigentlich auch verständlich, sollte doch die Fliegerei einmal deren Beruf darstellen. Also, mir voll verständlich. Ansonsten herrschte ein etwas rauher, zum Teil überheblicher Ton der Fluglehrer und Funktionäre gegenüber dem "Flugschülergesindel". Naja, meistens von denen, deren geistiger Horizont beschränkt war oder von welchen, die nah an einem alkoholischen Problem dran waren oder sonstige zivile Probleme hatten. Wir hatten jedoch auch sehr gute Ausbilder, die streng und (deshalb) super für die Ausbildung waren (und dabei auch korrekt im Umgang mit den Menschen).

    Insgesamt war es für mich aber auch eine prima Vorbereitung auf den fast obligatorischen 3-jährigen Wehrdienst, wenn man einen eher raren Studienplatz als männlicher Bewerber erhalten wollte (O-Ton bei der Studienberatung: "Wir mußten schon Studienbewerber mit einem Abitur von 1,1 ablehnen, weil sie nur 1,5 Jahre Grundwehrdienst ableisten wollten.")

    Eins ist mir bisher unbekannt: Es gab persönliche Flugzeuge???? -Das kann ich mir nicht vorstellen!

    Insgesamt fand ich die GST als sehr sinnvoll, konnten sich doch in diesem "Verein" gerade Jugendliche unter Kontrolle austoben und austesten. Eine Möglichkeit, die es heute so nicht mehr gibt, bzw. die finanziell bei weitem nicht mehr für jeden möglich ist. Schade...

    Jugendliche brauchen was zum Kräftemessen, etwas um sich auszutesten und um ihre Abenteuerlust ausleben zu können.


    Und wie bei Neo: Es reicht, das irgendwas in der Luft brummt oder rauscht - man muß wie ein kleines Kind in den Himmel starren und begeistert sein. Und ein elegantes Segelflugzeug am Himmel - und die Handflächen werden feucht... Die Flugbegeisterung wird ein Leben lang bleiben. Die Fliegerei war zu DDR-Zeiten was besonderes, ein Traum, etwas Edles. Heute habe ich die Vermutung, dass dieser wunderschöne Sport zu einer dieser dämlichen Funsportarten verkommt und in die Reihe zu Bungee-Jumping usw. eingereiht wird.

    Schönes Wochenende.

    Matthias

  8. #7
    Flugi

    Avatar von Flugi
    Original geschrieben von Rhönlerche
    Sehr interessantes Thema.
    Es gab ja vereinzelt persönliche Segelflugzeuge für besonders gute Wettkampfsportler.
    Als "persönliche" Flugzeuge würde ich das nicht bezeichen. Die Hochleistungssegler der Jantar- Reihe standen ja nur in begrenzter Stückzahl zu Verfügung und die Decke an Leistungsfliegern war sehr dünn in der damaligen DDR. Als konnte es durchaus passieren, das ein Leistungsflieger schon ständig mit "seinem" Flugzeug unterwegs war.
    Ich kann mich noch entsinnen, als der "Pirat" an die Flugplätze kam. Diese wurden in der Anfangszeit ausschließlich von den Fluglehrern und anderen Funktionsträgern geflogen. Und schnell hatte der Flieger seinen Spitznamen "Privat" weg. Dies durfte natürlich keiner sagen, man wurde da schnell in eine falsche Ecke gerückt!;)

    Zum Thema passend und garade beim aufräumen gefunden, schönes Flugbild eines "Bocian" mit einer frühen Bemalung.
    Angehängte Grafiken Angehängte Grafiken

  9. #8
    DM2DPM

    Avatar von DM2DPM
    Das mit dem "" Privat Flieger"" stimmt schon irgentwie,hing doch von den Erfolgen dieser "" Hochleistungspiloten"" die Materialzuführung für die Stützpunkte zusammen.
    Aber es gab auch Typen,die standen in der Gunst der Orchideen nicht ganz oben,waren aber absolute Spitzentypen,ich denke da an die Olympia Meise und an die Libelle mit ihren V Leitwerk.
    Die war leichter als leicht,schneller als ein Wiesel und wendiger als eine Maus auf dem Teller.Das war mir fast das liebste Flugzeug.Die hatte absolute Werte beim Thermikkurbeln,bis fast 60 Grad Schräglage,und dann noch 12 Meter Steigen,das habe ich später sehr selten nochmals wiederholen dürfen.
    Wer jedoch das fliegen eines Segelflugzeuges richtig erlernen wollte,hat das mit einen SG-38 probiert,selbst damit sind 4000
    Meter Startüberhöhungen in Lausche erflogen worden,und das
    schon 1954,wo wir in Lauscha noch den """Schädelspalter"""flogen ( Baujahr 1937)Mit dem SG-38n auf dem """Pendelbock"" sind schon damals 5 Stunden erreicht worden (Nachdem man den Mann absolut zur Mittagspause vergessen hatte )
    Wir hatten hier in Leipzig/Taucha,am schwarzen Berg,auch solch einen ""Superpiloten-Erfolgsträger - Fred Voss""soweit ich heute noch weiss,flog der damals einen Bocian.aber,ich muss sagen,der Pyonir S3 aus der CSSR,war genaus so angenehm zu fliegen,war ebend nur kein Hochleistungssegler.Dafür aber absolut stabil.
    Ich habe damals,1954 hier in Leipzig mit dem Segelflug angefangen,beim Hauptfluglehrer ""Haupt-Kurt"" aus Leipzig Lindenthal,ehemals Pilot auf JU-88 und Folgetypen-bis hin zur AR 277
    das ich dann 1957 zur NVA gewechselt bin,ist eine gaaaaaanz andere Geschichte,aber hier in Leipzig habe ich alle C Bedingungen erflogen,und eines möchte ich noch sagen,das Grunau Baby IIB war das beste Schulflugzeug seiner Zeit.
    Mit dem Pirat,das war eine besondere Sache,die einen liebten ihn ün#ber den grünen Klee,schwärmten von seinen Eigenschaften,musste aber zugeben,das bei den Langsamflugeigenschaften ein hässliches Schütteln im Landeanflug auftrat,bedingt durch die Anlenkung der Tragflächen am Rumpf ( Hochdecker)
    Ich persönlicj möchte hier sagen.besonders beliebt war er bei mir nicht.
    Mit diesen Modell des Grunau Baby ist mir ein Dreieckflug,Leipzig,Dresden Zwickau---Leipzig gelungen,zwar mit nassen Fallschirm,aber glücklich für meine Gold C

    DM2DPM

  10. Hallo

    Schau dir doch mal die Luftfahrt-Kategorie an

    Registrieren bzw. einloggen, um diese und auch andere Anzeigen zu deaktivieren
  11. #9
    Flugi

    Avatar von Flugi
    Peter, gibt es noch Bilder aus der Zeit?

  12. #10
    DM2DPM

    Avatar von DM2DPM
    Hallo Flugi
    Ich habe damals,zu dieser Zeit,so um 54 alles auf Digital Video auifgenommen,muss nur noch meine Speicherblätchen auskochen,damit die Bilderchen sichtbar werden. Hi
    Du kannst Fragen stellen,ich würde sagen,Geschichte gleich 6,
    setzen,
    Frage mal in Deiner Verwandschaft herum,wer 1954/55 einen Fotoapparat hatte,bei einen Monatsverdienst von 120 DDR Mark,kostete ein Stückchen Butter immerhin 6 Mark,da waren am Monatsende noch soviele Tage,und kein Geld mehrv im Beutel.
    Da war doch alles andere wichtiger,als ein Fotoapparat,wie das meine Mutter immer wieder fertigbekommen hat,uns satt zu bekommen,ist mir heute noch ein Rätsel.Jedenfalls gab es bei der GST,am Wochenende auf dem Platz mehr zu essen und trinken,als die ganze Woche zu hause,das waren immerhin 100 Lieter Suppe für ca 50 Leute,dazu noch Brot,und für jeden eine rote Limo,das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.Wir sahen damals ja alle aus,wie Drahthaken,aber schön war es doch!!!
    DM2DPM

Seite 1 von 28 1234511 ... LetzteLetzte

GST - Fliegerei

Ähnliche Themen

  1. Mensch und Fliegerei
    Von MiGCap im Forum Foto und Film
    Antworten: 833
    Letzter Beitrag: 14.08.16, 15:39
  2. Stoffbezug aus den Anfängen der Fliegerei
    Von juergen.klueser im Forum Ätzteile, Resin, Vacu und Umbauten
    Antworten: 16
    Letzter Beitrag: 05.10.10, 17:43
  3. Fliegerei und Landschaft
    Von sitzsack im Forum Foto und Film
    Antworten: 9
    Letzter Beitrag: 04.08.08, 20:03

Besucher kamen mit folgenden Begriffen auf die Seite

gst ddr

segelflugzeuge der gst

Flugzeuge aus ddr Kindergärten

ddr lkw gst

DDR flugplatz gst Neustadt glewe

gst segelfliegen dresden

Motorsegelflugzeug gst

gst segelflugplatz bei berlin

http:www.flugzeugforum.dethreads10754-GST-Fliegereipage3

segelfliegen bei der gst

Funktechnischen Truppen

erwin blaeske kunstflug

DDR Kindergärten Zwickau

fred voss

DDR NVA

segelflug zwickau gst

erwin bläske berlin

vormilitärische ausbildung kinder

Sie betrachten gerade GST - Fliegerei