Erstellt von centuryfan  |  Antworten: 96  |  Aufrufe: 8346
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  1. #1
    centuryfan

    Avatar von centuryfan
    Letztens flammte mal wieder die leidige Diskussion um den "richtigen" Maßstab im Modellbau auf. Das habe ich einfach mal zum Anlass genommen ganz im Sinne von Lee Kolosnas "Modelers Musings"-Kolumne auf Modeling Madness selbst etwas dazu zu schreiben. Der ein oder andere wird dies jetzt als ein 1000fach erörtertes Martyrium des Modellbaus verstehen wollen. Doch ich habe mich bemüht, die Sache mal von einem etwas anderen Standpunkt aus zu betrachten...

    Der Maßstab aller Dinge

    - oder warum wir uns selbst beschränken


    Fragt man z.B. auf einer Ausstellung einen beliebigen Modellbauer, der schon ein paar Jahre lang an der Klebstoffnadel hängt, nach seinem künstlerischen Betätigungsfeld, so wird er in der Mehrzahl aller Fälle zuerst eine Epoche, vielleicht auch eine bestimmte militärische Einheit oder ein Baumuster nennen, um direkt danach hinzuzufügen: "Aber nur in..." Damit weiß man nun, ob es Sinn macht sich mit seinem Gegenüber weiter über die letzten Neuheiten im heißgeliebten Maßstab X zu unterhalten, oder ob dieser Ungläubige allen Vorteilen zum Trotz, die Maßstab X natürlich zu bieten hat, seine Seele dem Maßstab Y verschrieben hat und somit als kompetenter Diskussionspartner ausscheidet.

    Natürlich, wie sollte es anders sein, gibt es auch unter Modellbauern unstete Opportunisten, die sich gestern noch die neue Me 262 von Tamiya gekauft haben und am nächsten Tag mit einer Academy F-18 in 1:32 unter dem Arm vor der Tür stehen; die also weder einem Maßstab noch einer Epoche treu sein können und den Lockrufen der Modellbau-Industrie bald hierhin und bald dorthin folgen.

    Von anständigen Sparten-Modellbauern werden sie oft belächelt, wie jemand der sein eigenes Ziel noch nicht kennt. Dabei sind es gerade diese Wankelmütigen, die das schwerste Los gezogen haben. Keine Modellbau-Neuheit ist für sie von vorneherein uninteressant und die Höhe ihrer Kistenstapel wächst antiproportional zu der Zahl auf ihren Kontoauszügen.

    So liegt es nahe nach den Gründen derer zu fragen, die sich mit sich selbst auf ein asketisches Modellbauer-Dasein geeinigt haben.

    Ist es vielleicht ein uralter Selbstschutzmechanismus der vielen die Beschränkung als einzige Wahl lässt, um nicht vollends in Polystyrol und Kunstharz zu versinken?

    Da meldet sich natürlich der 48er zu Wort: "So ein Quatsch! 1:72 ist mir einfach zu klein. Da erkenn' ich ja kein Detail!" Und der so gescholtene schießt zurück: "1:48 ist nur was für Grobmotoriker! Und mit 1:72 habe ich am Ende sowieso mehr Modelle in der Vitrine."

    Was die Anhänger von 1: 144, 1:32 oder gar 1:24 dazu sagen lässt sich unschwer erahnen.

    Auf diese Weise beharrt jeder auf den Argumenten für seinen Maßstab, auch wenn ihm sein klarer Menschenverstand sagt, dass ein größerer Maßstab nunmal mehr Platz für Details lässt und eine B-36 in 1:48 nicht einmal mehr halb so attraktiv für das Wohnzimmer wie in 1:72 ist.

    Dem tragen natürlich auch die Kit-Hersteller Rechnung, weshalb es keinen verwundert, dass man mehr Klebstoff-Junkies an 109ern und Spitfires in 1:48 herumschrauben sieht als an einer B-29 im gleichen Maßstab.

    Interessanterweise waren die verschiedenen Maßstäbe jedoch immer unterschiedlich stark beliebt. Eine Tatsache, die mit der Geschichte des Plastikmodellbaus eng verknüpft ist. Die ersten in Masse produzierten Bausätze hatten meist sehr unterschiedliche und "krumme" Maßstäbe; ein Phänomen, das man heute historisch-nostalgisch als "Box-Scale" bezeichnet. Es war aber nicht die Größe des Verpackungskartons, die den Spritzlingen ihre Größe und somit den Maßstab diktierte. Vielmehr waren es der Formenbau und die Spritzwerkzeuge, die noch nicht beliebig groß produzieren konnten und durch ihre Einheitsgröße auch die der Spritzrahmen angaben.

    Später wurde 1:72 der Maßstab der Stunde. Perfekt um möglichst viele Modelle in kurzer Zeit in einer vergleichbaren Größe am Küchentisch zusammenzuschustern. Die ersten Modellbauer-Generationen brauchten ihr Taschengeld schließlich noch für andere Sachen.

    Mit der Zeit gab es aber immer mehr "erwachsene" Modellbauer die bereit waren mehr Geld für mehr Detaillierung auszugeben. Der Maßstab wuchs - weg von der Masse hin zur Klasse. Gerade heute kann man diesen Trend gut beobachten. Noch vor wenigen Jahren führten 1:32 Modellbauer ein Nischenleben und durften für jeden neuen Bausatz dankbar sein, den ihnen die gütigen Modell-Hersteller vorwarfen. Jetzt boomt der Markt und immer größere und ausgefallenere Kits werden realisiert.

    In jedem Maßstab entstand so eine Vielfalt, die jedes Modellbauerleben überfordert. Die diesesmal vom Modellbauer ausgehende individuelle Spezialisierung, eigentlich schon eine reaktionäre Handlung, auf einen Themen und/ oder Maßstabsbereich war also nur eine logische Konsequenz.

    Und so machen viele schon bald aus der Not eine Tugend und betrachten ihren Maßstab als den einzig wahren, ohne dabei an die ursprünglichen Gründe für ihre Wahl zu denken. Sei es, dass die Zwei-Zimmer Wohnung mit Hund und Frauchen sowieso an ihre Kapazitätsgrenzen stößt, oder dass einen die eigene Anatomie zum Freund größerer und dadurch vielleicht auch bequemerer Darstellungsarten werden lässt.

    Ist die Entscheidung erst einmal gefallen, fällt es schwer umzusatteln, auch wenn sich die Begleitumstände geändert haben. Man hat schon viele Modelle in dem entsprechenden Maßstab gebaut und das Vorratslager ist prall gefüllt. Für so manchen erscheint daher ein längerfristiger Wechsel zu einem anderen Maßstab als zu ineffizient.

    Doch zum Glück ist der Opportunismus eines der Grundprinzipien des menschlichen Wesens. Da kann so manches außergewöhnliche Angebot nicht ausgeschlagen werden, auch wenn es streng genommen nicht in den persönlich definierten Themenbereich passt.

    Die Abwechslung in der heimischen Vitrine ist auf lange Sicht also sichergestellt. Und um die Abwechslung vom Alltäglichen geht es doch in jedem Hobby...auch wenn man dabei einmal über den Tellerrand schauen muss!

    Bernd Korte

  2. Schau dir mal die beiden Links an:
    diesen Bestseller und die Flugzeug-Kategorie

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  3. #2
    jo020

    Avatar von jo020
    Klasse geschrieben . Vieles was ich gerade gelesen hab spricht mir aus der Seele und in einigen Pasagen hab ich mich selbst wieder gefunden

  4. #3
    stevoe

    Avatar von stevoe
    Zu einer Zeit, als ich noch wirklich Modelle gebaut habe, lag auf meinem Basteltisch 1/72er F4B-4 neben einer 1/32 Mig-21. Auf einen bestimmten Maßstab und eine bestimmte Epoche wollte ich mich nie beschränken. Gebaut wurde, was gefiel.

    Und genauso staune ich noch immer über so manches Modell in 1/32, das ich hier im FF sehen, oder über einen Bekannten ;), der in einer TF-104 in 1/144 die Avionikbay geöffnet darstellt...

    Und das Staunen hört auch nicht bei Flugzeugmodellen auf, das geht oft bei den Schiffebauern weiter und ist bei den Modellbahner noch lange nicht zu Ende...

    Bernd, Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen!

  5. #4
    Maik

    Avatar von Maik
    Schöner Beitrag, guter Stil, eine Bereicherung für die Modellbausparte im FF

  6. #5
    Det190

    Avatar von Det190
    Auch ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen,
    .....Klasse geschrieben !
    Besonders JO 020 der mir das wesentliche was ich persönlich dazu geschrieben hätte vorweg nahm.
    In diesem Sinne, Danke für diesen gelungenen
    Beitrag.

  7. #6
    Flugi

    Avatar von Flugi
    Schön geschrieben!
    Bei Modell-Fan hättest Du ein paar € dafür bekommen. ;) Deshalb danke, das Du uns hier damit beehrt hasst.
    Deine Gedanken treffen die Thematik schon sehr genau.
    Ich zähle mich selber zur 72er Fraktion, es hat sich eben geschichtlich alles so entwickelt. Natürlich habe ich in meiner Jugend auch Hand an andere Maßstäbe angelegt. Dies war aber zu einer Zeit, wo man alles das zusammenklebte, was es gerade im staatlichen :D Modellbauhandel zu kaufen gab. Selbst als mein Begrüßungsgeld über die Ladenteke grenznaher Modellbaugeschäfte wanderte, steckte der Maßstab 1/48, 1/32 und andere noch in den Kinderschuhen.
    Heute ist es so, das ich 156 Jahre alt werden müsste, um mein Modelllager auf Null zu bekommen.
    Trotzdem schaue ich mir als Flugzeugfan, gern auch die fertigen Flieger der großen Maßstäbe an und bin erstaunt über den Qualitätsschub der letzten Jahre. Dies wird mich aber nicht, von meinen einmal begonnen Weg abbringen.

  8. #7
    Friedarrr

    Avatar von Friedarrr
    Den Nagel auf den Kopf getroffen!
    Woher kennst du mich, uns alle..?:D

  9. #8
    stevoe

    Avatar von stevoe
    Original geschrieben von Flugschreiber

    Heute ist es so, das ich 156 Jahre alt werden müsste, um mein Modelllager auf Null zu bekommen.
    Na, ich hoffe, das wirst Du auch! Was wäre das hier denn ohne Dich...

  10. Hallo

    Schau dir doch mal die Luftfahrt-Kategorie an

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  11. #9
    Flugi

    Avatar von Flugi
    ...steht die Frage, wird es das Flugzeugforum da noch geben! ;)

  12. #10
    stevoe

    Avatar von stevoe
    Original geschrieben von Flugschreiber
    ...steht die Frage, wird es das Flugzeugforum da noch geben! ;)
    Na, ich hoffe, das wirst es doch! Was wären wir denn ohne es... ;) :D

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