Letzten Monat erschien im Herder-Verlag von Matthias Uhl das Buch "Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht".
Im "historischen Rückblick" gibt es das Kapitel "Der Kalte Krieg und die sowjetische Rüstung 1945-1991", von Seite 48/49 zitiere ich folgende Aussagen zum Flugplatz Groß Dölln.
Die geplanten mitteleuropäischen Einsatzbasen der Fernbomberflotte im Herrschaftsgebiet der Sowjetunion waren in der ČSSR, Polen, Ungarn und der DDR zu errichten. Da beispielsweise die Entfernung zwischen Templin, dem für die DDR vorgesehenen Reserveflugplatz für die sowjetischen Fernfliegerkräfte, und New York „lediglich“ 6400 Kilometer betrug, wies die sowjetische Führung ebenfalls die rasche Fertigstellung der ausländischen Einsatzbasen an. Spätestens bis 1955 sollten alle dafür erforderlichen Maßnahmen abgeschlossen sein. Entsprechend diesen Vorgaben begannen u. a. im Frühjahr 1953 in Templin umfangreiche Bauarbeiten. Noch im gleichen Jahr wurde die 3500 Meter lange und 80 Meter breite Start- und Landebahn, damals die größte in der DDR, fertiggestellt. Dass ihre Aufsetzzone aus 60 Zentimeter dickem Stahlbeton bestand, beweist den vorgesehenen Einsatzzweck als vorgeschobene Fernbomberbasis.
[63]
Quelle 63:
RGASPI, 17/164/697, Bl. 131–135, Beschluss Nr. 250–117 des Ministerrats der UdSSR: ‚Über den Bau von Flugplätzen für schwere Fernbomber‘, 27.1.1953.
[Seite 329]
Es handelt sich beim RGASPI um das Russisches Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte, die Archivsignatur schlüsselt sich vermutlich in Fond 17, Opis 164, Delo 697 auf.
de.wikipedia.org
Schauen wir nun direkt in das von Hr. Uhl erschlossene Dokument zur betreffenden Textstelle:
3. Принять предложение Военного Министерства СССР о необходимости постройки в странах народной демократии в течение 1953-1955 гг. 4-х оперативных аэродромов для указанных самолетов, в том числе: в Германской Демократической Республике, Чехословакии, Венгрии и Польше.
В связи с этим, поручить Военному Министерству СССР через Главных военных советников в Чехословакии и Венгрии и Военного атташе в Польше просить военное командование этих стран осуществить строительство указанных аэродромов.
3. Den Vorschlag des Verteidigungsministeriums der UdSSR über die Notwendigkeit des Baus von 4 operativen Flugplätzen für die genannten Flugzeuge in den Ländern der Volksdemokratie im Zeitraum von 1953–1955 anzunehmen, darunter in: der Deutschen Demokratischen Republik, der Tschechoslowakei, Ungarn und Polen.
In diesem Zusammenhang ist das Verteidigungsministeriums der UdSSR zu beauftragen, über die Hauptmilitärberater in der Tschechoslowakei und in Ungarn sowie den Militärattaché in Polen die militärische Führung dieser Länder zu bitten, den Bau der genannten Flugplätze durchzuführen.
Bislang fehlte es – falls ich falsch liege, möge man mich korrigieren – in Publikationen oder öffentlichen Diskussionen an schriftlichen Belegen aus Russland für die ursprünglich Zweckbestimmung des Flugplatzes Groß Dölln. Möglicherweise wurde mit dem Beschluss Nr. 250–117 des Ministerrats der UdSSR über den ‚Bau von Flugplätzen für schwere Fernbomber‘ erstmals die amtliche Bestätigung dafür geliefert, dass Groß Dölln eine Sonderrolle innerhalb der sowjetischen Militärinfrastruktur in der DDR einnahm und einen direkten Zusammenhang zu den sowjetischen Fernfliegerkräften erlaubt.
Besonders brisant ist, dass in der Akte Delo 697 im Kontext von ‚Templin‘ explizit eine Liste mit strategischen Zielen aufgeführt wird. Dabei werden New York, Washington, Chicago und Ottawa als Angriffspunkte in Nordamerika sowie Lajes (in der Akte als ‚Lagens‘ geführt) auf den Azoren (‚Asorkich‘) und Dakar genannt, ergänzt um die jeweiligen Distanzberechnungen
Der Name "Templin" wird mehrfach an anderer Stelle in Delo 697 genannt. Was Polen, Ungarn und die CSSR betrifft, hier wirds etwas "kompliziert" nach dieser Aktenlage. Die Pendants zu Groß Dölln entstanden ja in Powidz, Mosnov und Mezökövesd. Diese Ortsnamen tauchen aber dort so nicht auf, stattdessen: Kunmadaras, Zatec und "Flugplatz Poznan".
Möglicherweise wurde Delo 697 bereits von Matthias Uhl im 2008 erschienenen Buch "Krieg um Berlin? - Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlin-Krise 1958 bis 1962" genutzt. Das Buch liegt mir nicht vor.
In Delo 697 taucht übrigens nicht einziges Mal die Typenbezeichnung Tu-16 auf.
Stattdessen wird von "swerchdalnyich" Bombern, schweren Fernbombern und den Typen Tu-4, Tu-95 und dem Typ "M" (Mjasischtschewa) gesprochen, jeweils mit unterschiedlichen Triebwerkskonfigurationen wie AM-3, WD-5, 2 TW-2F, TW-12 und TW-16.