Interview mit Generalkonstrukteur des RKK "Energija" Vitali Lopotoj

Diskutiere Interview mit Generalkonstrukteur des RKK "Energija" Vitali Lopotoj im Raumfahrt Forum im Bereich Luftfahrzeuge; Der User "Gaist" hat das Interview mit Generalkonstrukteur des RKK "Energija" Vitali Lopotoj in Politikforum auf Deutsch übersetz. Vieleicht...

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    Der User "Gaist" hat das Interview mit Generalkonstrukteur des RKK "Energija" Vitali Lopotoj in Politikforum auf Deutsch übersetz. Vieleicht könnte es hier einingen auch Interesant sein.

    http://forum.politik.de/forum/showthread.php?t=195967

    Ich übersetze hier ein Interview mit Generalkonstrukteur des RKK "Energija" Vitali Lopotoj, das von der "Rossijskaja Gazeta" geführt wurde.

    Quelle: http://www.rg.ru/2008/02/05/lopota.html

    Übersetzung

    Kosmos als Realität - Welches bemannte Transportsystem wird die "Sojuz" ablösen? Was kosten Weltraumambitionen? Legotechnologie im Orbit - Realität oder Sci-Fi? Sollte man zum Mars oder zum Jupiter fliegen? Darüber haben wir beim "Geschäftsfrühstück mit dem Präsidenten" mit dem Generalkonstrukteur des RKK "Energija", dem Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN) Vitali Lopotoj gesprochen

    Rossijskaja Gazeta(RG): Vitali Aleksandrowitsch, heute startet vom Weltraumbahnhof Baikonur das Versorgungsraumschiff "Progress". Dem Plan nach sollte das Raumschiff am 7ten Februar zu der ISS starten, doch der Start wurde um 2 Tage nach vorne verlegt. So etwas ist nie bisher vorgekommen. Was ist passiert?

    Vitali Lopotoj(VL): Wir mussten unsere Pläne aufgrund der Bitte unserer amerikanischen Kollegen korrigieren. Wie sie wissen, wird der nächste Start der Raumfähre "Atlantis" zu der ISS immer wieder verschoben: Es gibt Problemme mit verschiedenen Systemen, die die die Triebwerke kontrollieren. Es gibt jetzt aus Amerika einen Starttermin - das ist der 7 Februar. Durch das Verschieben des Termins kollidiert ihr Startdatum jetzt mit unseren Plänen: das Raumschiff "Progress" sollte gerade am 7ten Februar zu der ISS hochgeschickt werden. Die Amerikaner sind deswegen nervös gewesen, daher haben "Roskosmos" und RKK "Energija" beschlossen den Start nicht nach hinten sondern nach vorne zu verschieben. Die Abstimmung mit den Amerikanern dauerte etwa einen Tag.

    RG: Eine Frage von Igor Tichonowitsch: "Was war der Grund für den ballistischen Wiedereintritt der Crew der 15ten Expedition?"

    VL: Die Untersuchung ist abgeschlossen. Die möglichen Ursachen stehen jetzt fest: eine zufällige Beschädigung eines der Versorgungskabel der Steuerkonsole für den Wiedereintritt. Es wurden entsprechende technische Maßnahmen ergriffen, die dieses Risiko in Zukunft ausschließen sollen.

    RG: Stimmt es, dass wir Informationen von der ISS nur dann bekommen, wenn die Station das Territorium der RF überfliegt?

    VL: Das ist wirklich so, zur Zeit gibt es im russischen Abschnitt der ISS keinen modernen Satellitenkommunikationslink wie bei den Amerikanern. Es gibt an Bord entsprechende Ausrüstung, aber es gibt keine Kommunikationssatelliten, die wir nutzen könnten. Daher müssen wir uns an die Amerikaner wenden. Dieses Problem hängt mit der Effektivität des russischen Satellitensystems zusammen. Ressourcen die im Orbit zur Zeit für die Kommunikation mit der ISS vorhanden sind, reichen kaum aus. Hier haben wir noch jede Menge Arbeit vor uns. Teilweise wird das Problem gelöst, wenn die Bodenstationen durch Glasfaser miteinander vernetzt werden.

    Womit werden wir morgen fliegen?

    RG: RKK "Energija" versprach bis zum Ende des vergangenen Jahres bei Roskosmos Vorschläge über die Entwicklung eines neuen bemannten Raumschiffes vorzulegen. Gibt es diese Vorschläge?

    VL: Es existieren prinzipiell neue Vorschläge. Die Forschungsarbeiten dauern noch an. Bis August werden neue Projekte vorgestellt. Der Bau eines neuen Raumschiffs wird nicht weniger als 6-7 Jahre dauern. Das beinhaltet die Erprobung neuer Technologien, die Einführung neuer technischer Lösungen und natürlich jede Menge an Boden -und Flugtests. Unter Berücksichtigung der reichhaltigen Erfahrung auf diesem Gebiet, über die RKK "Energija" verfügt, werden wir versuchen die Fertigstellungspläne zu beschleunigen. Großen Einfluss auf das Aussehen des Raumschiffes und die technische Lösung seiner Realisierung übt der Umstand aus, dass der Start und die Landung des Systems auf dem Territorium der RF gewährleistet sein muss.

    RG: Vom neuen Kosmodrom(Weltraumbahnhof) "Wostotschnij"?

    VL: Ja. Es ist geplant im Jahre 2015 dort die ersten Satelliten -und Versorgungsraumschiffestarts durchzuführen und dann nach noch 3 Jahren bemannte Starts. Dabei ist das Projekt nicht für die Raumkapsel "Sojuz" ausgelegt, sondern schon für eine neue Art an Raumschiffen und Trägersystemen.

    RG: Wie wird das neue Raumschiff nun aussehen? Haben die Konstrukteure sich von "Klipper"-Modell endgültig verabschiedet?

    VL: Die Hauptpriorität bei der Entwicklung eines neuen bemannten Raumschiffes sind: Sicherheit der Crew, Gewährleistung ihrer Rettung in jedem Stadium des Fluges, angefangen beim Start. Auf Anweisung von Roskosmos hin, haben wir 2 Monate lang eine Kapsel-Variante (Übersetzer: sprich "Sojuz"-Kapsel) durchgearbeitet. Ich gehe davon aus, dass wir einen Schritt in die Zukunft machen müssen. Es ist vor allem die Manövrierfähigkeit. Für die Gewährleistung der Sicherheit der Crew und die rechtzeitige Suche und Evakuierung nach der Landung muss eine horizontale und vertikale Steuerung des Raumschiffes vorgesehen werden.

    Es wurden auch andere Formen neuer Raumschiffe durchgearbeitet. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die äußere Form des neuen Raumschiffes ein "auftriebserzeugender Körper" sein, der Manöver in der Größenordnung von 6000 km entlang der vertikalen Richtung der Aufstiegsbahn und nicht weniger als 500 km entlang der horizontalen Richtung der Flugbahn ermöglicht. Und das ist sehr wichtig für die Starts von dem neuen Kosmodrom "Wostotschnij". Außerdem wird noch eine Form des Raumschiffes in Betracht gezogen die eine Modifikation des "auftriebserzeugenden Körpers" darstellt. Ich würde heute ungerne die Details dieses Projektes diskutieren.

    Jetzt zu "Klipper". Er wurde 2003 vom Professor Juri Pavlowitsch Semenov vorgeschlagen. Es war eine Konzeptstudie. Damals wurde auch der "auftriebserzeugende Körper" vorgeschlagen mit dem Arbeitsnamen "Klipper", ein aus meiner Sicht unglücklich gewählter Name. Ein geflügeltes Modell wurde ebenfalls von Juri Pavlowitsch vorgeschlagen, aber erst im Jahre 2004 als eine weitere mögliche Option. Diese Arbeiten wurden bei RKK "Energieja" aus Eigeninitiative durchgeführt.

    RG: Ist das ein Kampf der Ambitionen, ein Kampf der wissenschaftlichen Schulen?

    VL: Ambitionen spielen dabei keine Rolle und die wissenschatliche Schule der bemannten Raumfahrt gibt es in Russland nur eine. "Klipper"-Projekt hat aus verschiedenen Grüden das Stadium der Modellentwicklung nicht verlassen. Die Amerikaner haben sich überzeugt, dass das System des "Space Shuttle" schwierig, kostspielig und sehr wartungsintensiv ist um die Sicherheit der Besatzung zu garantieren. Sie arbeiten jetzt an der Entwicklung verschiedener neuer Varianten, unter anderem kehren sie zum "Apollo"-System zurück, aber auf einem neuen technischen Niveau.

    RG: Und wie würde unser zukünftiges Raumschiff heißen, wenn nicht "Klipper"?

    VL: Wenn wir uns endgültig seines Aussehens und der Kooperationen sicher sind, dann gibt es auch einen Namen. Zum Beispiel "Русь". Wird dieser Name jedoch durchgehen wenn wir ein bemanntes Raumschiff in Zusammenarbeit mit Europa bauen? Das weiß ich nicht, das könnte eine politische Entscheidung werden.
     
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    2100 Grad Risiko

    RG: Heute arbeiten nicht nur Russland und die USA an neuen bemannten Raumschiffen sondern auch Europa, China und Indien. Ist die Konkurrenz hart?

    VL: Alle verstehen, dass wir auf diesem Gebiet führend sind. Im Jahre 2010 wird das "Shuttle"-Program beendet. Danach für die nächsten 4-5 Jahre bleibt nur Russland mit seiner "Sojuz"-Kapsel im Orbit. Übrigens, der erste Schritt zu einem Raumschiff der nächsten Generation wird die Modernisierung der "Sojuz" sein, die in einem halben Jahrhundert ihres Einsatzes ihre Zuverlässigkeit demonstriert hat. Es gibt mehrere Vorschläge eine neues Raumschiff in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen ausländischen Partnern zu bauen. Alle benötigen unsere Erfahrung und Technologien.
    Natürlich ist es verlockend ein System zu bauen, dass mehrfach verwendet werden kann. Aber hier gibt es viele Aspekte zu beachten. Man kann bis zum Mond fliegen und zur Erde zurückkehren wenn mit man von einer erdnahen Umlaufbahn mit 2ter Weltraumgeschwindigkeit startet. Bei der Rückkehr vom der erdnahen Umlaufbahn tritt das Raumschiff mit der ersten Weltraumgeschwindigkeit (7800 m/s) in die Atmosphäre ein, dabei erhitzt sich sein Rumpf im vorderen Bereich lokal auf ca 2100 K. Und eine Sache ist es, nur den vorderen Bereich des Rumpfes zu schützen eine andere eine geflügelte Version. Genau das ist das Problem des "Space Shuttle". Wenn man vom Mond zurückkehrt, dann ist die Temperatur der kritischen Raumschiffsteile beim Wiedereintritt in die Atmosphäre ca 1,5 mal höher als wenn man mit der ersten Weltraumgeschwindigkeit eintritt. Hier liegt das Problem einfach in den Materialien. Dabei passiert das ganze in einer Höhe von 80 bis 50 km und da ist jede Sekunde bei diesen Temperaturen für die Materialien kritisch.

    RG: Welche wissenschaftlichen Kapazität sind an diesem Projekt beteiligt?

    VL: Es arbeiten die besten Spezialisten unserer Firma an dem Projekt. Wir erhalten auch Unterstützung von einige Wissenschaftlern aus dem Bereich der angewandten Mathematik, Materialwissenschaften und auch anderen Bereichen. In der ersten Konzeptionsphase brachen wir einfach keine großangelegte wissenschaftliche Kooperation. Hier benötigt man einfach spezielles Wissen, Erfahrung und eine Analyse der gesamten vorherigen Raumfahrtgeschichte. Man braucht starke Führung und Initiative.

    RG: Sind sie überhaupt gegen Kooperation?

    VL: Eine große Kooperation benötigt man beim Modellbau und anderen Stufen des Projektes. Unsere Wettbewerbsvorteile sind die Erfahrung und einzigartige technische Lösungenen, die evolutionär in den letzten 50 Jahren realisiert worden sind. Doch um diese Vorteile und unseren Vorsprung zu bewahren, brauchen wir schon heute die modernsten Technologien im Raumschiffsbau. Das sind vor allem die Technologien für den Bau von extrem leichten Konstruktionen, Navigation und Steuerung.

    Uns liegen Vorschläge vor wie: Lasst uns zusammen ein neues Raumschiff konstruieren, gebaut wird es jedoch dort, wo die besten Technologien vorhanden sind. So eine Herangehensweise ist für uns heute nicht mehr akzeptabel. Ja, man muss zusammenarbeiten. Aber bei einer Zusammenarbeit ist das Entgegenkommen sehr wichtig, wer hat wo den größten Wettbewerbsvorteil. Zum Beispiel: Ihr habt gutes elektronisches Equipment? Immer her damit, aber in unser Raumschiff bitte. Gerade die Amerikaner wollen mit keinem kooperieren. Aus einem einfachen Grund: Sie wollen führend sein und vor allem ihre eigenen Technologien einsetzen.
    RG: Der Leser Evgenij aus Toljatti fragt: "Vitali Lopota leitete vor seinem Posten bei RKK "Energija" das landesweit bekannte Institut für Robotik und Kybernetik. Könnten sich in seiner Zeit bei "Energija" daher die Priorität zwischen bemannter und unbemannter Raumfahrt verschieben?"

    VL: Zur Zeit sind im Budget von RKK "Energija" 60% der Mittel für bemannte Raumfahrt vorgesehen. Alles andere sind automatische Systeme und Trägersysteme. RKK "Energija" - das ist eine einzigartige Schule der Weltraumtechnologie. Robotik - das ist der nächste evolutionäre Schritt in der Entwicklung der Raumfahrt. Das sind Instrumente mit deren Hilfe die Raumfahrt effektiver wird. Das CNII für Robotik und technische Kybernetik arbeitet seit 40 Jahren mit RKK "Energija" zusammen. Und diese Zusammenarbeit sollte ausgeweitet werden - so sehen heute die Tendenzen auf dem Markt für weltraumbezogene Dienstleistungen aus.

    RG: Würde das die Entwicklung neuer Systeme beschleunigen?

    VL: Zweifelsohne. Wir müssen dahin kommen, dass ein neues Projekt nicht ein Jahrzehnt sondern nur einige Monate braucht. Wir brauchen "parallele" Entwicklung unterschiedlicher Systeme, Standardisierung der Komponenten, Einführung der Lego- Mikro- und Nanotechnologien und vieles andere. Viele Prinzipien und Herangehensweisen müssen umstrukturiert werden. Dabei dürfen natürlich die vorhandenen wissenschaftlichen Schulen, Wettbewerbsvorteile und Erfahrung nicht verloren gehen.

    Es existieren heute bei RKK "Energija" entsprechende Konzepte und Programme. Es muss Geld in aussichtsreiche Weltraumtechnologie investiert werden. Wir müssen neue Ingenieure und Konstrukteure vorbereiten, die moderne Werkzeuge beherrschen und Projekte auf Basis der Technologien von morgen entwickeln werden.

    Was kosten die Ambitionen

    RG: Die Pläne des Präsidenten G.W. Bush über eine Rückkehr auf den Mond und einen bemannten Marsflug wurden sofort als sehr ehrgeizig bezeichnet. Das föderale Weltraumprogramm Russlands bis zum Jahre 2015 ist nach Ansicht vieler Experten gerade mal ausreichend um die aktuellsten Bedürfnisse unserer Raumfahrt zu stillen.
    Welcher aus den aktuellen Projekten könnte aus ihrer Sicht zu einem nationalen Projekt werden um die Position Russlands als eine Weltraummacht zu stärken?

    VL: Ein Projekt kann nicht zu einer nationalen Idee werden. Das Ziel der russischen Raumfahrt - ist die Gewährleistung der Sicherheit und der technologischen Unabhängigkeit Russlands und des Wohlstandes seiner Bürger. Das kann nur durch ständige und unbehinderte Weltraumpräsenz erreicht werden. Dafür müssen wir natürlich als erstes den Anteil Russlands am weltweiten Markt an weltraumbezogenen Dienstleistungen erhöhen.

    Fortsetzung folgt.......
     
  4. malex

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    RG: Und wie sieht der Anteil Russlands aus?

    VL: Unser Land teilt sich diesen Markt mit USA und EU. Mit unseren Weltraumtechnologien braucht Russland eine viel ehrgeizigere Position auf diesem Gebiet. Aber dafür müssen entsprechende Mittel investiert werden. Wir müssen zu der Praxis zurückkehren, dass der Staat das Weltraumprogram in einem Umfang finanziert, das unseren politischen und technologischen Ambitionen entspricht. Heute ist der Umfang an Staatsaufträgen im Rahmen des föderalen Weltraumprograms spürbar geringer als das Budget der NASA.

    RG: Wer ist noch außer den Amerikanern auf diesem Markt vertreten?

    VL: Europa, China, Indien, Japan. Zum Beispiel ist das Weltraumbudget der Chinesen 3 mal größer als unser und das Budget der Amerikaner ist 20 mal so groß wie das Russische. Und das - ist nur der zivile Sektor. Wenn wir zu Bush zurückkehren, dann haben seine Aussagen über den Mondflug eher Ankündigungscharakter. Bisher finden diese Ankündigungen im amerikanischen Budget keine Bestätigung. Es gibt auch keine Ankündigungen von den US-Präsidentschaftskandidaten, dass sie zum Mond fliegen wollen.

    Obwohl strategisch diese Ankündigungen für die Amerikaner sehr vorteilhaft sind. Wenn sie das Budget der NASA betrachten, dann hat dort der "Tiefe Weltraum" nur einen Anteil von 5-7%. Andererseits werden 93-95% des Budgets für die "Eroberung" des erdnahen Raumes aufgewendet. Und die Amerikaner sprechen offen darüber. Sie betrachten den Weltraum als ein Bereich ihrer wirtschaftlicher und nationaler Interessen.

    RG: Aber Russland will auch zum Mond fliegen?

    VL: Bisher sind im föderalen Weltraumprogram Russland bis zum Jahre 2015 keine bemannten Flüge zum Mond eingeplant. Aber einen Mondflug zu realisieren sind wir mehr als in der Lage. Wir haben entsprechende einzigartige Erfahrung und Vorarbeiten. Es ist aber nicht ganz klar: Wofür soll man zum Mond oder Mars fliegen? Solche Begründungen sollte RAN liefern.

    RG: Was ist mit Helium-3? Was halten sie von der Idee seines Abbaus auf dem Mond?

    VL: Ich hätte gerne wenigstens einen bekannten Wissenschaftler gehört, der ernsthaft von der Realisierung dieser Idee gesprochen hätte. Die Wissenschaftler bekunden ihr Interesse an Helium-3 und einer thermonuklearen Reaktion ohne radioaktive Strahlung. Aber in 50 Jahren nach der Zündung der ersten Fusionsbombe ist es immer noch nicht gelungen eine kontrollierte thermonukleare Synthese zu erzeugen, dessen Plasmaeinschlusstemperatur bei 108*10^6 K liegt, wenn man mit Tritium und Deuterium arbeitet. Eine thermonukleare Synthese wo Helium-3 als Ausgangsstoff verwendet werde, ist noch aufwendiger (die Temperatuer liegt dann bei ca 109*10^6 K).

    Man könnte ein Weltraumtransportsystem konstruieren, Maschinen bauen, die den Abbau auf der Mondoberfläche durchführen werden, aber wieviel Helium-3 gibt es überhaupt auf dem Mond? Helium-3 ist in der Mondoberfläche in einer Konzentration von 1/100*10^6 enthalten. Stellen sie sich vor, wieviel Mondoberfläche da verarbeitet werden müsste. Außerdem muss der Mondboden nach dem Sammeln auf ca 600-700 Grad erhitzt werden um Helium herauszulösen und anschließend noch Helium-3 abzutrennen, dann müsste es verflüssigt und zur Erde transportiert werden. Aber die Engstelle des ganzen Vorhabens - ist der Bau des Reaktors selbst. Bis heute sind die Spezialisten nicht mal in der Nähe einer Lösung dieses Problems. Das ist eine Aufgabe für ХХII-ХХIII Jahrhundert. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass es bis zu der Zeit effektivere Lösungen des Energieproblems geben wird.

    RG: Das ist eine ernstzunehmende Einschätzung.

    VL: Ich denke sie ist realistischer als die Idee des industriellen Helium-3 Abbaus auf dem Mond. Unter S.P. Korolev wurden die Ideen einer Mondbasis durchgearbeitet, aber diese Ideen haben das Stadium eines Konzepts nicht verlassen.

    RG: Nichts desto trotz wurde die Rakete gebaut?

    VL: Die Rakete wurde gebaut als auch das Mondraumschiff, sowohl das orbitale als auch das Landemodul. Mondbasis und auch ein Flug zum Mars wurden auf dem Niveau einer technischen Lösung durchgearbeitet. Auch heute beschäftigen wir uns mit diesen Vorarbeiten und passen sie dem aktuellen Stand der Technik an. Damit setzen sich erfahrene Spezialisten auseinander, damit bei Bedarf wir entsprechende Vorentwicklungen präsentieren können.

    RG: Und wann könnte es soweit sein?

    VL: Das ist eine politische Entscheidung. Heute haben wir ein gewaltiges Budgetdefizit bei unserem Weltraumprogram. Nicht umsonst wird beim nächsten Treffen des Sicherheitsrates der RF eine Korrektur des föderalen Weltraumprograms diskutiert. Wenn es keine Korrekturen gibt, dann brauchen wir auch nicht über die Entwicklung der russischen Raumfahrt zu diskutieren.

    Warum nicht Jupiter?

    RG: Unser Leser Lev Borodichin fragt: "Wie groß wird die Besatzung bei einem Marsflug sein und wieviel Zeit verbringt die Crew auf der Oberfläche des Roten Planetes?"

    VL: Ein Flug zum Mars - ist eine schwierige, kostspielige und wissensintensive Expedition.
    Aber sie ist schon heute technisch möglich: es gibt wichtige Erfahrungen der langfristigen Weltraumaufenthalte, modernes Wissen und Technologie, entwickelte Bodeninfrastruktur.
    Es wird nur eine entsprechende Begründung der Zweckmäßigkeit einer Marsmission, politische Entscheidung und der Aufbau einer integrierten Struktur aus wissenschaftlichen und industriellen Firmen und Organisationen benötigt. Arbeiten an diesem Program müssen außerdem vom Staat ständig unterstützt und kontrolliert werden, vor allem finanziel.
     
  5. malex

    malex Berufspilot

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    Schluss

    RG: Wie sehen die technischen Grundlagen einer von RKK "Energija" vorgeschlagenen Marsmission aus?

    VL: Erstens, das ist die 100% Gewährleistung der Sicherheit der Besatzung, inklusive der Strahlungssicherheit, was durch höchste Ausfallsicherheit der bei der Mission eingesetzten Mittel, durch Ferndiagnose und Mehrfachauslegung aller Systeme, sowie durch Gewährleistung der Rettung und des Überlebens der Besatzung in jeder Extremsituation, erreicht werden kann. Zweitens, die Mission wird aus mehreren Stufen aufgebaut, das sind 5 Stufen dessen Komplexität immer weiter wächst, sodass die Erprobung incl. Flugtests aller Expeditionssystme kontinuierlich gewährleistet wird. So ist die erste Stufe der Mission eine unbemannte Landung auf der Planetenoberfläche.

    Drittens, die Konzeption der Marsmission geht davon aus, dass die Kosten als auch das finanzielle und technische Risiko der Realisierung der Mission minimiert werden müssen.

    Vorläufige Projektentwürfe, die von RKK "Energija" und seinen Partnern realisiert worden sind, geben einen ersten Überblick über das technische Aussehen eines interplanetaren Expeditionssystems. Natürlich werden die technischen Parameter immer weiter angepasst und verbessert.

    RG: Aber es ist schon klar, aus welchen Elementen ein interplanetares Expeditionssystem bestehen wird?

    VL: Die Entwickler schlagen folgendes vor. Das System würde bestehen aus: einem interplanetaren orbitalen Raumschiff, einem Schlepper-Antriebssystem und einem Start -und Landemodul. Dabei sollte das interplanetare Expeditionssystem in einem erdnahen Orbit gebaut und erprobt werden, mehrfach verwendbar sein eine mittlere Masse von 500 Tonnen haben sowie für eine Nutzungsdauer von 15 Jahren ausgelegt sein.

    Die Besatzung des Systems würde aus 4-6 Personen bestehen. Die Dauer der Expedition zum Roten Planeten würde 900 Tage betragen, incl. der Landung und eines Planetenaufenthaltes von ca einem Monat.

    Ich muss aber erwähnen, dass unter den Wissenschaftlern die Meinung vorhanden ist, dass der Jupiter um einiges interessanter ist als Mars.

    RG: Warum?

    VL: Eine Expedition zum Jupiter und seinen Monden würde uns viel mehr neue Erkenntnisse bescheren als eine Expedition zum Mars. Dort finden immer noch planetare Entstehungsprozesse statt. Aber in den nächsten Jahrzehnten kann eine Mission zum Jupiter nur mit Hilfe von automatisierten Forschungssystemen realisiert werden.

    RG: Warum müssen wir überhaupt zu anderen Planeten fliegen?

    VL: Der wichtigste Grund für die Begründung der Zweckmäßigkeit dieser Art der Problemlösung - ist die Generierung von Wissen. In RAN gibt es einen Weltraumrat. Unsere Akademie der Wissenschaften muss klar sagen, welche Problemme im Weltraum gelöst werden müssen und wohin man fliegen sollte. Und dann können auch technische Lösungen entwickelt werden.

    RG: Jupiter ist viel weiter weg als Mars, ist die Expedition dorthin deswegen auch viel schwieriger und kostenintensiver?

    VL: Eine Expedition zu den äußeren Planeten des Sonnensystems wird gewaltige Ressourcen benötigen. Zum Beispiel wird die erste Etappe, der Aufbau einer Basis auf dem Mond die Kosten der ISS aller Partnerländer um mehr als das Doppelte übertreffen. Diese Kosten der ISS liegen nach heutiger Schätzung irgendwo bei 150 Milliarden Dollar.

    Wer ist als letzter im Orbit

    RG: We ernst ist die Kritik der Analytiker zu nehmen, die behaupten, dass unsere Weltraumbetriebe heute zu intelektuellen Spendern für Europa und die Welt verkommen sind?

    VL: Ja es stimmt - wir sind Spender. Und wir werden es so lange bleiben, bis wir unseren Ingenieuren 15-30 Tausend Rubel im Monat zahlen. Heute lebt unser Ingenieursstand nur durch Patriotismus.

    RG: Und wie sieht es mit jungen Spezialisten aus? Kommen viele zu ihnen?

    VL: Es kommen welche, aber es sind zu wenige. Was denken sie wieviel sollte ein junger Mensch im Alter von 30 Jahren, der genug Wissen und Erfahrung gesammelt hat, heute verdienen?

    RG: Nicht weniger als 40 Tausend Rubel im Monat, wahrscheinlich.

    VL: Diese Zahl sollte um 1,5 erhöht werden. Aber im Staatsbudget ist etwas anderes eingeplant: im Jahre 2007 - bis zu 21 Tausend im Monat, im Jahre 2008 - bis zu 24 Tausend Rubel. Es muss auch vieles getan werden um die Unternehmensführung effektiver zu gestalten. In der Weltraumtechnik gibt es kein Recht auf Fehler. Wissen und Erfahrung erlangen die jungen Spezialisten jedoch, wenn sie erst an ihrem 4ten oder 5ten Projekt arbeiten. S.P. Korolev konnte sich mit seiner Mannschaft auf die besten Vorarbeiten und Errungenschaften stützen, die unter anderem von den Deutschen entwickelt worden sind. Gute, systematische Lehrbücher, die die Erfahrung und für unseren Technikbereich wichtiges praktisches Wissen vermitteln würden, gibt es so gut wie keine. Dieses Wissen kann heute nur aus den Dokumenten geschöpft werden, die in den Archiven der entsprechenden Betriebe lagern, und viele dieser Dokumente tragen das entsprechende Siegel. (Übersetzer: sind immer noch als geheim eingestuft)

    Sehen sie sich doch an, wer heute in den Betrieben der Weltraumindustrie arbeitet?

    Es gibt so gut wie keine Ingenieure die 30-40 Jahre alt wären. Wir haben 2 Generationen verloren. Aber in 10 Jahren müssen wir neue Technik für die nächsten 50 Jahre entwickeln. Und diese Technik muss auch möglichst bald flugtechnisch erprobt werden. Daher kommen wir hier mit der Phantasie und Romantik alleine nicht weiter. Die Situation ist denkbar hart.
     
    mcnoch gefällt das.
  6. #5 Monitor, 06.02.2008
    Monitor

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    Erst einmal Dank für die Übersetzung, da steckt sicher viel Arbeit dahinter.

    Aber das Interview ansich verursacht bei mir doch einiges Kopfschütteln, wobei ich mich frage, was will uns V. Lopotoj eigentlich sagen ? Einerseits enthält es Aussagen, die offensichtlich nicht stimmen, ein anderer großer Teil besteht aus unrealistischen Wunschträumen.

    Vorneweg sei gesagt, dass die sowj./russische Weltraumforschung auf vielen Gebieten bedeutende Erfolge aufweisen kann, die von keinem anderen Land so geleistet wurden. Da sehe ich vor allem den Betrieb der Weltraumstationen 'Salut' und vor allem die Erkenntnisse, die bei Langzeitmissionen gewonnen wurden (wer hat sonst noch Langzeitmissionen unternommen ?).
    Und wenn der Space Shuttle bis 2010 noch durchhält, wird für einige Jahre danach trotzdem eine Lücke entstehen, die russische Raumschiffe füllen werden.

    Aber wenn man sich das vorliegende Interview durchliest, kommen einem doch Fragen.

    Was ist denn nun mit einem Nachfolger für 'Sojus' ? 'Klipper' ist anscheinend nicht mehr.
    Wenn bis August erstmal das Projekt vorgestellt werden soll, dann ist 2008 fast rum und es existiert im Prinzip noch nicht mal was Konkretes auf dem Papier.

    Wie er zu dieser Aussage kommt, wird sicher sein Geheimnis bleiben. Mit 'Sojus' oder 'Proton' zum Mond ?

    Diese Einschätzung ist die Realität. Das verträgt sich aber nun schlecht mit den Plänen für ein neues Raumschiff und Flüge zum Mond, Mars und Jupiter.

    Auch hier die Vorstellung, alles ist im Prinzip gelöst. Dabei ist gerade das Marsforschungsprogramm von konstanter Erfolglosigkeit gekennzeichnet gewesen.
     
  7. malex

    malex Berufspilot

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    Das Klipper Program wurde praktisch auf Eis gelegt.
    http://de.rian.ru/science/20061024/55099231.html

    Das wurde glaube ich schon in diesem Forum berichtet.

    Ja, so ist es. Es wird sogar spekuliert, dass der alte Energija Chef Sevastjanov auch wegen Klipper entlassen wurde. Er hat sich zu sehr für den Klipper eingesetzt, ohne erst mit Rossaviakosmos abgesprochen zu haben, was die wirklich brauchen, und ob sie es heute leisten können.

    Das russische Raumfahrtprogramm steht bis 2015 fest, und da ist der neue Raumschiff nicht dabei, nur die Modernisierung von der Sojus.

    Gemeint war, es gab schon viele Projekte die in der Schublade fertig liegen, und nur sollten umgesetzt werden. Das knowhow ist da.
     
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    Hallo

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