Wo hat (weltweit) der erste Segelflug-Windenstart stattgefunden?

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Stefffien

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Um Segelflugzeuge in die Luft zu bekommen, gab es schon immer verschiedene Methoden. Zum ersten Flugzeug-Schlepp in Deutschland, der Lizenzierung durch Fokker und den Streitigkeiten bei RaKa zwischen Raab und Fieseler gibt es einiges in der Literatur.
Wo nun aber fand in Deutschland der erste Auto-Schlepp statt – und der daraus entwickelte erste Windenstart?
Ich hatte das Glück, 2021 die Lebenserinnerungen der mitteldeutschen Luftpioniers Walter Bönig (1902-1985) herausgeben zu dürfen. Darin beschreibt er den ersten Auto-Schlepp, der in Halle-Nietleben am 10. Juni 1931 stattgefunden hat. Als deutschlandweit ersten dokumentierten Autoschlepp reklamiert dagegen Spaichingen auf den Böttinger Wiesen/Klappenheck diese Ehre für sich. Für Halle gibt es einen Zeitungsbericht, der für andere Orte fehlt (bzw. mir nicht bekannt sind.)
Aber viel spannender ist, dass Walter Bönig in seinen Lebenserinnerungen behauptet (siehe: „Walter Bönig. Zwischen den Welten.“ www. walterboenig.de), dass er der erste war, der für den Segelflugzeug-Schlepp ein Auto aufbockte und mittels drehender Rolle am Rad einen Windenstart vollzog. (siehe Buch Seite 93)
In meinen Recherchen für das Buch konnte ich keine gegenteilige oder frühere Anwendung ggfs. Patentierung finden. Ist das so?
Walter Bönig hat sich ausgiebig mit Segelflug beschäftigt, obwohl er als Luftbildfotograf, Kunstflieger und Fluglehrer seine Brötchen verdiente und mit Udet für Flugszenen für einen Richthofen-Film gebucht wurde.
Letztendlich aber erhielt er seinen grössten Ruhm durch seine Weltrekorde im Dreier- bzw. Vierer-Schlepp von Segelflugzeugen. (Original-Film-Mitschnitt der Ufa-Tonwoche youtube.com/watch?v=l92DBg-HLrw)

Hat weltweit der erste Windenstart in Halle-Nietleben stattgefunden?

Vielen Dank für alle Hinweise!
 
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wilco

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"Als deutschlandweit ersten dokumentierten Autoschlepp reklamiert dagegen Spaichingen auf den Böttinger Wiesen/Klappenheck diese Ehre für sich. "

"Klappenheck"?? - Sehr seltsame Ortsbezeichnung... Zu Spaichingen wie auch zu Böttingen läßt sich räumlich ohne weiteres das Klippeneck zuordnen, eines der bekanntesten Segelfluggelände in Deutschland.
 

wilco

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Nicht zum Windenschlepp, wohl aber zum Autoschlepp konnte ich diese frühe Notiz in der Literatur finden:


„FLUGSPORT"
Jahrgang 1930
Nr. 23
Seite 398

Schleppschulflüge

Seit einiger Zeit macht man in Amerika, und neuerdings auch in England, erfolgreiche Versuche, durch Schleppen von Gleitflugzeugen hinter Automobilen die Ausbildungszeiten für A- und B-Prüfungen wesentlich zu verkürzen. Schon 1909 bei der IIa in Frankfurt angestellte ähnliche Versuche scheiterten an dem damalig unvollkommenen Fluggerät, Hängegleitern.

In Amerika rüstet man die Maschinen mit besonderen Stahlrohr-Fahrgestellen von großer Spurweite aus. Als Räder werden die neuen fußballähnlichen Radreifen von Goodyear verwendet.

Das Schulen findet zweckmäßig auf einem genügend großen Teil eines Motorflugplatzes statt und ist vom Wind fast unabhängig. Zuerst wird an einem 100 m langen Seil geschult. Auslöse-Vorrichtungen an Flugzeug und Auto können schnell betätigt werden. Nach halbstündigem Ziehen am Boden, Roll- und Steuerübungen, wird mit Fluggeschwindigkeit gezogen, so daß der Schüler in 3—8 m Höhe sich an die richtige Fluglage gewöhnen und bei geringem abstoppen Landungen üben kann. Hierauf erfolgt der erste „Allein"flug, nachdem 15—20 m Höhe erreicht sind.

Höhen bis zu 50 m wurden am 100—130 m-Seil erreicht. Später wird das Seil bis zur vollen Länge von 230 m ausgelassen, so daß Flughöhen von 130—160 m erreicht werden. In dieser Höhe werden Kurvenflüge geübt. Der staatliche Führerschein erfordert drei Flüge mit besonderen Kurven. Fluglehrer müssen besondere Kreisflüge und Ziellandungen ausführen.
 
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wilco

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In welchem Jahr hat denn W. Bönig seinen Windenstart durchgeführt? Der Zeitungsartikel berichtet ja "nur" vom Autoschlepp.

EIne Zwischenstufe in der Entwicklung des Hochstarts stellt übrigens der Gebrauch einer vom Schleppfahrzeug gezogenen 180°-Umlenkrolle im Seilverlauf dar. Sie ermöglicht höhere Geschwindigkeiten bei drastisch verringerter Schleppstrecke. Versuche dazu wurden von den Segelfliegern in Breslau, aber natürlich auch im Ausland angestellt.

(Hier muß ich mich korrigieren, die Breslauer haben mit der Kombination Umlenkrolle + Gummiseil - aber ohne Auto - experimentiert, im November 1930. (FLUGSPORT Nr. 25, Seite 454)

Die Kombination Umlenkrolle - KFZ haben - na? - die Karlsruher erprobt, anfänglich auch schon ab November 1930. Ein ausfühlicher Artikel darüber erschien im "Flugsport" Jg. 1931 Nr 14 Seite 308!
 
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wilco

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„FLUGSPORT" 1931
Nr. 25
Seite 547

Schleppflug mit Autowinde

"Die Autowinde wurde nach in England und Frankreich gesammelten, Erfahrungen in verbesserter Form von Robert Kronfeld in Braunschweig gebaut. Kabellänge 1000 m, erreichte Flughöhe bei Windstille 150 bis 180 m. Vorteile: Schonung des Platzes, des Autos und des Flugzeugs. Kürzere Startbeschleunigung, gleichmäßiger Durchzug. Da Wagen nicht mitbeschleunigt und bewegt werden braucht, reicht 4/20-PS-Wagen, wo sonst 10/50 PS nötig.

Drahtschere beim Auto stets bereit für Notfall!
Versuche noch nicht abgeschlossen, daher Warnung vor Nachahmung!"

Es folgt eine saubere Konstruktionszeichnung, von der ich hier nur die Beschriftung wiedergebe:

"Autowinde mit direktem Zug.

Seiltrommel/

Vorder - u linkes Hinterrad blockiert

rechtes Hinterrad hochgebockt".
 
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In welchem Jahr hat denn W. Bönig seinen Windenstart durchgeführt? Der Zeitungsartikel berichtet ja "nur" vom Autoschlepp.

EIne Zwischenstufe in der Entwicklung des Hochstarts stellt übrigens der Gebrauch einer vom Schleppfahrzeug gezogenen 180°-Umlenkrolle im Seilverlauf dar. Sie ermöglicht höhere Geschwindigkeiten bei drastisch verringerter Schleppstrecke. Versuche dazu wurden von den Segelfliegern in Breslau, aber natürlich auch im Ausland angestellt.
Auch 1931.
Gibt es zum Start mit Umlenkrolle Literatur? Vielen vielen Dank!
 
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wilco

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Ich möchte davon abraten, unbedingt der Sensation "Weltweit erster..." hinterherzuleuchten.

Walter Bönig war unzweifelhaft ein Aktivist, der vieles vorangebracht hat. Die Fliegerei allerdings hat viele Väter, und die Heiligsprechung einzelner auf nationaler Ebene wird oft mit der Nichtachtung ganz ähnlicher Leistungen von "Helden" aus den konkurrierenden Ländern oder Systemen erkauft.

Der Wunsch nach dem Hochstart im Flachland war ein verbreitetes Bedürfnis.
Der Autoschlepp wurde in Amerika und England erprobt, Wolf Hirth berichtete.
Dann kam die Umlenkrolle, erst die am Gummiseil (Breslau), dann die hinter dem Schleppauto (Karlsruhe).
Der nächste Schritt war das zur Seilwinde umfunktionierte aufgebockte Auto. Mit Akribie und Sorgfalt von Kronfeld ausgeführt. Selbst eine Spulvorrichtung war vorgesehen.
Ja und dann? Der erste Bericht* über eine eigentliche Seilwinde stammt aus St.Cyr in Frankreich. Dort hatten die militärischen Hochschul-Segelflieger etwas derartiges zusammengebaut. Eine kleine Anhängerwinde!

Ob es die Erste war? Gut möglich, aber es lag in der Luft, irgendwer mußte sie bauen!

Wir sehen eine gesamteuropäische Entwicklung, natürlich mit Ausgriff auf die Filiale in Amerika. Wer, wann wo der allererste war - wen juckt es? Es gab kein alles überragendes Genie, es gab nur Leute, die Zeichenstift und Werkzeug in die Hand nahmen und taten, was die Weiterentwicklung einer Idee verlangte.

*) FLUGSPORT" Jg.1932 Nr. 7 Seite 145
 
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Stefffien

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Es ist legitim, so eine Aussage zu hinterfragen. Ob es dann eine Heldentat war, bestimmen die anderen.
Kronfelds Beschreibungen der Winde stammen vom Dezember 1931, die Beschreibungen aus St. Cyr. vom April 1932.
 
HoHun

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Moin!

Ich möchte davon abraten, unbedingt der Sensation "Weltweit erster..." hinterherzuleuchten.
Ja, da gibt's immer ein bißchen Unschärfe. Aber generell nach möglichst frühen Fällen zu suchen, kann schon interessante Ergebnisse bringen! :-)

Zufallsfund nebenbei ... Start durch Bergab-Rollenlassen:


Tschüs!

Henning (HoHun)
 

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Kronfelds Beschreibungen der Winde stammen vom Dezember 1931, die Beschreibungen aus St. Cyr. vom April 1932.
Die Bemerkung ist richtig, zeitlich scheint sich da eine Lücke aufzutun. Ein Vorsprung von Bönig wäre möglich.

Wenn man die Vorgeschichte aus St.Cyr liest, sieht das wieder anders aus, denn die kleine Winde hatte schon zwei Vorläufer:

"L'Air, die französische Segelfluggruppe, welche in St. Cyr unter Leitung von Abrial arbeitet, hat verschiedene Motorschleppeinrichtungen versucht. Zuerst verwendete man einen ganz kleinen Wagen DFP ohne Differential, bei dem das Seil an sich direkt auf die Felge aufgewickelt wurde. Hierbei konnten jedoch nur geringe Seillängen verwendet werden. Eine zweite Schleppeinrichtung war ein Fordwagen. Hierbei war jedoch das Abrollen des Seiles zu umständlich. Man baute eine dritte Einrichtung, einen Delage-Motor 11/30 PS auf ein Chassis".

Zwar werden hier keine Daten geannt, aber die zwei beschriebenen Vorversionen werden auch ihre Zeit benötigt haben. Da schmilzt der Vorsprung schon wieder dahin.
 
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mal was anderes, kann man sich diese Startart eintragen lassen ? würde mir noch fehlen:thumbup:
Nationale Behörden können gemäß Segelflug-Regelbuch neben den etablierten Startmethoden auch weitere in eigener Verantwortung zulassen. Ich vermute, diese Regel ist unter anderem im Hinblick auf den Rollstart reingekommen.
 
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